Ihr Ratgeber für Herz, Kreislauf und Blutgefäße

Karl-Heinz Westphal: Der lange Kampf um mein Leben

Acht Jahre ist es jetzt her. Es fing so harmlos an.

Im September 1999 - 56 Jahre alt und eigentlich fit - packte ich meinen Rucksack und freute mich auf eine einwöchige Wanderung im Spessart zusammen mit meinem Bruder.

Wanderung im SpessartAm ersten Tag der Wanderung schmerzte morgens im Bad mein linker Arm. Dies beachtete ich aber kaum, da mich wegen eines Bandscheibenvorfalls an der Halswirbelsäule immer wieder Schmerzen im Arm oder Rücken überraschen. Die leichten Herzstiche, die ich Anfang September verspürt hatte, kamen mir in diesem Moment nicht in den Sinn. Nach einem guten Frühstück setzte ich mich ins Auto und fuhr mit meinem Bruder ca. 300 Kilometer in den Spessart. Hier starteten wir mit vollem Rucksack die erste Etappe von ca. 23 Kilometern auf dem Eselsweg - dieser war ursprünglich ein Handelsweg, auf dem Esel das kostbare Salz quer durch den Spessart schleppten. Auch wir schleppten - aber alles klappte bestens. Am Abend schaffte ich vor Erschöpfung mein Abendessen nicht. Ich ging ins Bett, um für die weitere Wanderung fit zu sein.

Am nächsten Tag blieb mir bei der ersten Steigung schon nach 10 Schritten die Luft weg. Ich versuchte immer wieder, ein paar Schritte weiter zu gehen. Aber es war eine Tortur. Und als wir eine Bundesstraße erreichten, überzeugte ich meinen Bruder, dass er allein weiter wandern musste. Ich hielt das erste Auto an, und ließ mich zu meinem Fahrzeug zurückfahren, um die Heimreise von 300 Kilometern anzutreten. Die Heimfahrt klappte mit einigen Pausen sehr gut. Zu Hause angekommen, hatte ich zunächst keine Beschwerden.

Die Schreckensnacht

Aber in der Nacht änderte sich dies sehr schnell. Plötzlich blieb mir die Luft weg und der Schweiß brach mir aus. Ich hatte ziemliche Angst und rief den Notarzt an. Dann erinnerte ich mich an die Nitrokapseln, die mir mein Hausarzt einmal für alle Fälle verschrieben hatte. Ich fand die Medikamente, nahm eine Kapsel und konnte so die Zeit überbrücken, bis der Notarzt eintraf. Der Notarztwagen lieferte mich ins Krankenhaus ein. Hier kam die Überraschung: Ich hatte einen Herzinfarkt und dieser war bereits zwei Tage alt. Mein Leben war in Gefahr! Man verlegte mich auf die Intensivstation.

Dann folgte eine Herzkatheter-Untersuchung. Dabei fand der Arzt Engstellen in meinen Herzkranzgefäßen. Er implantierte mir einen Stent, eine kleine gitterförmige Gefäßstütze, die die verengten Stellen in den Blutgefäßen offen halten sollte, damit mein Herzmuskel wieder ausreichend mit Blut versorgt wurde.

Für Anfang Oktober war eine Anschlussheilbehandlung geplant. Doch dazu kam es nicht.

Herzstillstand!

Anfang Oktober kam der Schock: Nach dem Mittagessen fand mich eine Krankenschwester leblos im Zimmer vor. Dreimal wurde ich wiederbelebt - immer wieder stand mein Herz still und mein Kreislauf brach zusammen. Die Ärzte kämpften um mein Leben - mit Erfolg. Noch am selben Tag transportierte mich der Rettungshubschrauber zu weiteren Untersuchungen in eine andere Klinik und brachte mich am folgenden Tag wieder zurück. Ich bedauere noch heute, dass ich von den Flügen im Rettungshubschrauber nichts mitbekommen habe!

Kammerflimmern!

Drei Tage später bekam ich Kammerflimmern! Erneut eine lebensbedrohliche Situation, denn wenn das Herz nicht wieder in einen Eigenrhythmus findet, kann es innerhalb weniger Minuten zum Plötzlichen Herztod führen. Mein Kreislauf brach zusammen. Zweimal wurde defibrilliert, d. h. mit Hilfe eines kontrollierten Elektroschocks durch ein Defibrillator-Gerät konnten die Ärzte wieder einen normalen Herzrhythmus herstellen.

Nach vier Tagen: Schon wieder Kammerflimmern! Glücklicherweise war die Defibrillation auch diesmal erfolgreich. Anfang November kam ich in eine Uniklinik, wo die Ärzte herausfinden wollten, welcher Art meine Herzrhythmusstörungen waren und welche Behandlung für mich am besten wäre. Dazu führten sie bei mir eine elektrophysiologische Untersuchung durch, ähnlich wie eine Herzkatheteruntersuchung, bei der eine Art EKG direkt vom Herzmuskel abgeleitet wird.

Bei der Untersuchung zeigten sich Schäden an meinem Herzmuskel in Bereichen, die für elektrische Impulse zuständig sind. Hier hatte sich durch den Herzinfarkt Narbengewebe gebildet. Da ein hohes Risiko für erneutes Kammerflimmern bestand, sollte mir ein Gerät eingepflanzt werden, das solche lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen unterbrechen kann.

Mein neues Leben mit Defi

Anfang Dezember wurde mir ein solcher Defibrillator (implantierbarer Kardioverter Defibrillator, kurz ICD) im Brustbereich unter die Haut implantiert. Dieses Gerät unterbricht gefährliche Herzrhythmusstörungen, indem es einen Stromstoß abgibt. Nun habe ich meinen persönlichen "Rettungsassistent" immer dabei, für den Fall, dass mein Herz wieder aus dem Takt gerät.
Kurz nach Weihnachten begann meine Anschlussheilbehandlung. Es ging mir nicht gut. Nach dem langen Krankenhausaufenthalt fehlte mir alle Kraft. Schon zehn Schritte zu gehen war eine große Anstrengung. Aber in der dritten Woche war es dann soweit: Mit Unterstützung eines anderen Patienten schaffte ich es, von der Klinik bis zu den nahe gelegenen Salinen, den Salzfabriken, zu gehen. Keine weite Strecke, aber ich freute mich über die salzig-prickelnde Luft und ich war glücklich!

Mitte Januar wurde ich endlich entlassen - nach vier schweren Monaten. Gute Bekannte, die mich in dieser Zeit nicht gesehen hatten, erkannten mich nicht wieder: Früher 110 kg - jetzt noch 80 kg. Das Gehen fiel mir immer noch sehr schwer, aber es musste ja weiter gehen. Täglich machte ich leichte Spaziergänge, und jeden Tag schaffte ich ein paar Meter mehr.

Tausend Fragen - wenige Antworten

Ich hatte in dieser Zeit tausend Fragen, aber wo bekommt man Antworten? Ich fand die Defi-Liga Münster, eine Selbsthilfegruppe von Menschen, die einen implantierbaren Defibrillator (ICD) haben oder benötigen. Hier besuchte ich einige Veranstaltungen, lernte andere Betroffene kennen und stellte bald fest, dass das Leben auch mit Defibrillator lebenswert ist. Heute nehme ich beispielsweise wieder an Wanderungen um die 20 bis 25 km teil.

Bei der Defi-Liga Münster wunderte ich mich über die wenigen Besucher aus Ostwestfalen-Lippe. Immerhin wird doch in drei Kliniken in dieser Gegend implantiert. Lag es an dem weiten Weg von Ostwestfalen-Lippe nach Münster? Diese Frage beschäftigte mich eine ganze Zeit.

Portrait Karl-Heinz WestphalEine neue Aufgabe

Ende 2003 gründete ich in Verbindung mit Herrn Prof. Tebbe und dem Klinikum Detmold die erste Defi-Selbsthilfegruppe in dieser Gegend. Da die Beteiligung so groß wurde, wurden es gleich zwei Gruppen. Im März 2006 folgten eine weitere Gruppe in Paderborn und im November zwei Gruppen in Bielefeld.

Mehr zur Defi Selbsthilfe OWL

 

Es geht weiter

September 2006: Ich habe die Verantwortlichen der Defi-Selbsthilfe-Gruppen zu einer Wochenend-Tagung nach Kassel eingeladen. Bei dieser Tagung hat sich ein Arbeitskreis gebildet. Dieser beschäftigt sich damit, wie die bestehenden Defi-Selbsthilfe-Gruppen besser vernetzt werden können und wie man weitere Gruppen gründen kann. Das Ergebnis: Die Gründung des Dachverbands, Defibrillator (ICD) Deutschland e.V.. Dieser Verband bemüht sich nun, die Interessen der Betroffenen und der Defi-Selbsthilfegruppen zu vertreten und das Defi-Selbsthilfenetz Deutschland weiter auszubauen.

Das Leben bleibt lebenswert

Warum habe ich diesen Bericht geschrieben? Ich möchte allen Mut machen, die vor einer Implantation stehen oder Ihren Defi bereits haben. Mein besonderer Dank geht an die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die mich so gut betreut haben, denn ohne sie wäre meine Zeit schon vor 8 Jahren vorbei gewesen.
Das Leben ist auch mit einem Defibrillator lebenswert.

 


Karl-Heinz Westphal, 64 Jahre

Ansprechpartner der Defi Selbsthilfe OWL: karl-heinz-westphal@defi-owl.de
1.Vorsitzender Defibrillator (ICD) Deutschland e.V.: k-h.westphal@defibrillator-deutschland.de


Kommentar:

Herr Westphal hatte Glück: Er überlebte seinen Herzinfarkt und heute - 8 Jahre später - geht es ihm gut. Die Schmerzen im linken Arm - ein Warnzeichen für einen Herzinfarkt - hatte er falsch gedeutet (Hätten Sie es gewusst?). So wurde die rettende Behandlung um zwei Tage hinausgezögert. Dabei ist es so wichtig, einen Herzinfarkt früh zu erkennen und zu behandeln:
Dies steigert die Überlebenschancen deutlich.

Herzinfarkt: Rechtzeitig erkennen und behandeln rettet Leben!

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