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Fernabfrage - die drahtlose Herzüberwachung am Beispiel von LATITUDE

In Deutschland erhalten derzeit mehr als 130.000 Patienten mit Herzrhythmusstörungen oder chronischer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) einen Herzschrittmacher, einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) oder ein Therapiesystem für die kardiale Resynchronisationstherapie (CRT). Diese implantierbaren Systeme stimulieren gezielt das Herz, bringen den Herzrhythmus wieder "in den richtigen Takt" oder tragen dazu bei, dass das Herz wieder kräftig schlägt. - Der Einsatz der Therapiesysteme erfordert eine gewissenhafte Nachsorge, die bis zur Einführung der Telemedizin ausschließlich in den Implantationszentren und kardiologischen Praxen durchgeführt wurde.

Mit der Telekardiologie - der Übertragung wichtiger "Herzdaten" über Mobilfunknetz, Internet oder Telefonleitung an den Arzt - ist es erstmals möglich, den Zustand des Herzens ständig zu überwachen, auch wenn der Patient zuhause oder unterwegs ist.

Dr. Jörn Schmitt, Oberarzt an der Medizinischen Klinik I, Universitätsklinikum Gießen, zur Fernüberwachung zu Hause für Patienten mit Herzinsuffizienz und CRT bzw. ICD.

 

Im Folgenden beschreiben wir ein Telemedizinsystem der Firma Boston Scientific, das die Fernabfrage der Schrittmacherdaten und der Herzfunktion ermöglicht. Das System benötigt einen Standardfestnetzanschluss. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Patient immer zu bestimmten Zeiten zuhause sein muss. Der Communicator erkennt automatisch, dass der Patient mit dem implantierten Gerät sich in der Nähe befindet, und ruft dann die gespeicherten Werte ab.

Das LATITUDE®-Patientenmanagement-System wurde für Patienten entwickelt, die Träger eines ICD- oder CRT-Gerätes sind. Es dient der Fernüberwachung und Fernabfrage der Patienten und ist in der Lage, sowohl Informationen zum Gerät als auch zum Gesundheitszustand des Patienten zu sammeln. Das System ist in den USA bereits etabliert, in Deutschland wird es seit 2009 eingesetzt.

Wie funktioniert LATITUDE?

Das Patientenmanagementsystem besteht aus vier Komponenten:

1. Die Fernabfrage

Der Arzt legt einen Zeitplan fest, nach dem die Daten des ICD- oder CRT-Geräts regelmäßig vom Communicator abgefragt und an den Webserver weitergeleitet werden.

2. Die Fernüberwachung

Diese beinhaltet einen Überblick über das System (Batterie, Kabel etc.) und die Abfrage von sogenannten klinischen Ereignissen des Patienten, also z.B. Rhythmusstörungen. Der Arzt legt fest, ob die Überwachung täglich oder wöchentlich durchgeführt wird.
Bei welchen Ereignissen das System "Alarm schlägt", kann individuell - je nach Risiken und Bedürfnissen des Patienten - eingestellt werden. Wenn nun der Fall eintritt, dass Alarm ausgelöst werden muss, meldet der Communicator dies an den Webserver, der in einem Service-Center steht. Die Mitarbeiter des Service-Centers informieren den Arzt innerhalb der nächsten 24 Stunden über das Ereignis. Gleichzeitig erscheint die Alarm-Meldung auch auf der LATITUDE-Homepage, auf der der behandelnde Arzt regelmäßig die Angaben kontrolliert. So kann dieser schnell reagieren und die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen einleiten.
Bei LATITUDE handelt es sich jedoch nicht um ein Notfall- oder Notrufsystem. In einem akuten Notfall, zum Beispiel bei akuten Schmerzen im Brustkorb, muss der Patient dennoch einen (Not-) Arzt rufen.

3. Die sogenannte Patienten-initiierte Abfrage (PIA)

Auch der Patient kann auf Weisung seines Arztes veranlassen, dass der Communicator die Daten seines ICD- oder CRT-Geräts bis zu fünf Mal pro Woche abfragt und an den Webserver weiterleitet. Ein Anlass kann zum Beispiel sein, dass der Patient Herzstolpern oder andere Herzbeschwerden spürt, die ihm Sorgen machen. Der Patient muss dabei keine Sorge haben, dass er an seinem implantierten Gerät etwas verstellen könnte. Der Communicator kann ausschließlich abfragen, nicht aber programmieren.

4. Das Herzinsuffizienzmanagement (bei Bedarf)

Bei Patienten mit Herzinsuffizienz müssen Änderungen von Blutdruck und Gewicht besonders genau verfolgt werden, weil sie eine Verschlechterung derHerzinsuffizienz mit sich bringen können. Deswegen kann es bei manchen Patienten sinnvoll sein, diese Werte täglich vom Communicator abfragen und weiterleiten zu lassen. Im Rahmen des Herzinsuffizienzmanagements beantwortet der Patient einmal pro Woche so genannte "Lebensqualitäts-Fragen". Diese beziehen sich beispielsweise auf Krankheitszeichen wie Müdigkeit oder Schwindel, Atemnot oder Schwellungen an den Knöcheln oder Unterschenkeln (Ödeme).

Die Vorteile von LATITUDE für den Patienten liegen auf der Hand:

Mehr Sicherheit: Durch die engmaschige Kontrolle sowohl des Implantats als auch der Herzfunktion des Patienten und die Möglichkeit, auch selbst (als Patient) eine Datenabfrage zu veranlassen, kann der Patient sich deutlich sicherer und entspannter fühlen.

Mehr Unabhängigkeit: Die Anzahl der Nachuntersuchungen im Implantationszentrum kann mit LATITUDE reduziert werden. Das bedeutet besonders für Patienten, die lange Anfahrtswege haben, eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität.

Weniger Krankenhausaufenthalte hilft auch Kosten sparen

Neben dem persönlichen Nutzen für den Patienten kann LATITUDE ebenso wie andere telemedizinische Systeme dazu beitragen, Kosten im Gesundheitssystem einzusparen: Durch die ständige Kontrolle können Warnsignale frühzeitig erkannt werden. Das gezielte und schnelle Anpassen der ICD- oder CRT-Therapie kann Krankenhausaufenthalte verhindern bzw. überflüssig machen.
Vor der Einführung der Telemedizin kam es in Europa und den USA zu zwei Millionen Krankenhauseinweisungen jährlich aufgrund von Herzinsuffizienz. Diese Zahl zeigt die volkswirtschaftliche Dimension der Herzinsuffizienz-Behandlung.

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