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Gritt Liebing: Jeder Tag ist lebenswert

Es ist mitten in der Nacht. Ich schrecke hoch und weiß, was mich in den nächsten Sekunden erwartet: Ein Stromstoß zuckt wie ein Blitz durch meinen Körper. Der Oberkörper bäumt sich kurz auf, bevor er wie eine schlaffe Hülle in die Kissen zurücksinkt. Einmal mehr hat mein Freund Bob - ein implantierter Defibrillator - seine Arbeit perfekt gemacht. Einunddreißig Joule jagt er seit nunmehr sechs Jahren regelmäßig durch meinen Körper um Kammerflimmern zu terminieren. Brugada-Brugada-Syndrom nennt man in Fachkreisen meine seltene Erkrankung, eine Störung des Natrium-Kalium-Austausches in den Herzmuskelzellen. Die Therapie ist einzig und allein ein Defibrillator. Prognosen über Lebenserwartung oder dergleichen: Fehlanzeige!

Mitten im Leben

WaldspaziergangBis zum Zeitpunkt der Diagnose und der kurz darauf folgenden Implantation meines ersten Defibrillators namens Ted, vor sechs Jahren, stand ich absolut mitten im Leben. Ich war eine sehr aktive Ausdauersportlerin mit einer ganz besonderen Vorliebe für Triathlon. Zudem hatte ich einen gut bezahlten Job bei einer bekannten Firma der Sportartikelbranche, welche mich quer durch Deutschland und das benachbarte Ausland schickte.

Die Bilanz sechs Jahre später sieht objektiv betrachtet sicher schlecht für mich aus. Ich habe einen Behinderten- und einen Rentnerausweis. Von den so genannten Freunden von damals sind genau zwei geblieben. Ich fahre nicht mehr Auto. Triathlon ist nicht mehr möglich für mich.

Doch wer hat schon die Möglichkeit mit drei großen Hunden stundenlang bei jedem Wetter durch Wälder zu streifen? Wer kann seine Zeit mit einem Ehrenamt im Tierheim verbringen? Wer kann - nicht zuletzt auch mit der Unterstützung durch die Firma Guidant - in einer Klinik Defibrillator-Patienten betreuen und eine Selbsthilfegruppe für diese unterstützen? Wer hat Spaß daran mit dem Zug durch die Lande zu tingeln? Wer macht so verrückte Wettkämpfe wie 24-Stunden-Läufe? Wer weiß wer seine wirklichen Freunde sind, auf die man sich in jeder Situation verlassen kann? Wer? Ich!

Ein neues Leben

So beginne ich jeden Tag in Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass das Gras für mich grüner und der Himmel für mich blauer ist. Dankbarkeit dafür, dass die Sterne mir zuzwinkern und ich mit dem Mann im Mond flirte. Dankbarkeit dafür, dass ich anderen Lebewesen - egal ob Mensch oder Tier - etwas von meinem Lebensmut abgeben kann. Manchmal sitze ich irgendwo mitten im Grünen mit meinen Hunden und atme einfach nur ein und aus - ganz bewusst - ich erlebe förmlich jeden Atemzug meines Daseins. Solch ein Bewusstsein kann man, denke ich, nur entwickeln, wenn man wie ich schon mehr als fünfzig Mal mit dem Tod geflirtet hat. Todesnähe vertieft das Leben. Manchmal lässt sie einen auch einfach nur tief sinken. Lässt einen eintauchen in ein großes, dunkles Nichts ohne Ausweg, Hoffnung und Perspektive.

Mit gerade einmal vierzig Jahren ist es schon schwierig, doch letztlich am Rande der Gesellschaft zu stehen. Sich als arbeitsscheu und als Simulant betiteln zu lassen und sich ständig für seine Krankheit und deren Konsequenzen auf gewisse Art und Weise rechtfertigen zu müssen, ist oft mühsam. Ausgemustert und verletzt fühle ich mich oft. Und wenn Bob oder sein Vorgänger Ted sehr viel zu arbeiten haben, bleibt in vielen Phasen nur der nackte Überlebenswille. Da ich im Juni geboren und somit ein Sommer-Sonnen-Kind bin, überwinde ich auch diese Momente mit meinem doch schon fast grotesken, oft grundlosen Optimismus und meinem unendlich sonnigen Gemüt. Ganz offensichtlich sind die alten Sprüche wie "Jeder bekommt das aufgeladen, was er tragen kann" oder "Man wächst mit seinen Aufgaben" doch ziemlich klug.

Natürlich taucht bei mir oft die Frage auf, warum ausgerechnet ich diese Krankheit bekommen habe. Darauf eine vernünftige, verständliche und im Sinne dieser Welt gerechte Antwort zu bekommen, ist mir bis jetzt nicht gelungen. Ich denke auch nicht, dass es Sinn macht, sich mit der Sinn-Frage des so genannten Schicksals zu beschäftigen. Man bekommt darauf keine zufrieden stellende Antwort und das macht einen wütend, verbittert und bisweilen sogar ungerecht. Zudem ist die Zeit viel sinnvoller zu nutzen - nämlich mit aktivem Leben zu füllen. Meine Tage sind erfüllt, das ist gewiss. Ich will nicht, dass mein letzter Tag auf dieser Welt unerfüllt ist und deshalb bin ich im Rahmen meiner Möglichkeiten mindestens genauso aktiv wie vor Ted und Bob.

Neue Ziele

Mein großes Ziel ist es, gemeinsam mit zwei Freunden nächstes Jahr doch noch einen Ironman Triathlon im fränkischen Roth zu bestreiten. Wir werden dort eine Staffel bilden. Ich gehe als erste über 3,8 Kilometer Schwimmen im Rhein-Main-Donau-Kanal auf die Strecke, übergebe die Staffel an einen Freund der 180 Kilometer auf dem Rennrad kurbelt, der wiederum den Dritten im Bunde anschließend noch auf die Marathonstrecke schickt. Es ist wichtig, sich immer Ziele zu stecken, egal wie absurd sie sind und Träume wahr werden zu lassen. Und es ist noch wichtiger, darauf zu vertrauen, dass das Leben auch für mich weitergeht. Zu diesem Zweck habe ich meinen kleinen Titan-Freund als ganz persönliche Lebensversicherung ja ständig bei mir und wer hat das schon? So wertvoll wie dieses kleine Wunderwerk der Technik, so wertvoll ist auch mein Leben. Ich möchte es nicht eintauschen - weder gegen mein Leben vor dem Defibrillator, noch gegen das Leben eines reichen, schönen Filmstars oder eines erfolgreichen, gesunden Sportlers. Mein Leben ist, wie es ist etwas ganz besonderes und deshalb hoffe ich darauf, dass ich nach meinem Gang von dieser Welt als kleiner Stern am großen Horizont leuchten darf, um den Menschen und Tieren ein kleines Licht zu spenden.

Lesen Sie mehr über Gritt Liebing: Triathletin mit implantiertem Defibrillator finished beim Ironman Austria

 

Gritt Liebing beim METRO GROUP Marathon Düsseldorf 2012

Die Geschichte der inzwischen 47-jährigen Gritt Liebing zeigt, das ein aktives Leben auch mit implantierten Herzschrittmachern, Defibrillatoren oder Stents möglich ist.  Im April nahm Gritt Liebing am METRO GROUP Marathon Düsseldorf 2012 mit Erfolg teil. Ihr Ziel war, wie für alle Marathonläufer, „gesund, fröhlich und in einer schönen Zeit ins Ziel zu kommen“. In einem Video berichtet Gritt Liebing über ihre Erfahrungen als Athletin und Trägerin eines implantierten Defibrillators.

 

Das Brugada-Syndrom

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Portrait Gritt LiebingKurzportrait der Autorin

Mein Name ist Gritt Liebing und ich erblickte am 18.06.1965 das Licht der Welt.

Am 13.08.1999 bekam ich TED, meinen ersten implantierten Defibrillator, und seit dem 2.7.2003 ist BOB mein ständiger Begleiter und Lebensretter.

Leben mit einem implantierten Defibrillator

Aufgrund des Fortschreitens meiner Erkrankung, des Brugada-Brugada-Syndroms, bin ich arbeitsunfähig, fahre nicht mehr Auto und habe mein Hobby, den Triathlonsport, an den Nagel gehängt.

Mein Leben hat eine andere Qualität bekommen - nicht schlechter und nicht besser - einfach anders: Ich habe drei große Hunde, mit denen ich ausgedehnte Spaziergänge unternehme. Zudem arbeite ich ehrenamtlich im Tierheim und engagiere mich im Tierschutz. Ich gehöre zu den Gründungsmitgliedern der Defi-Selbsthilfegruppe der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim, wo ich selbst seit Jahren betreut werde.

Sowohl TED als auch BOB haben mir mit Schockabgaben mehrmalige zusätzliche Geburtstag beschert. Ich trage meinen Defi in dem Bewusstsein, dass ich meine Lebensversicherung ständig bei mir habe.


Buchtipp

Ein schwaches Herz, ein starker Wille und jeden Tag ein neuer Sieg

Ich übe das SterbenGritt Liebing erfährt von einem Tag auf den anderen, dass sie schwer Herz krank ist. Ihre einzige Überlebenschance ist ein implantierter Defibrillator.

Lesen Sie die Geschichte einer mutigen, jungen Frau, die sich nicht von ihrer Krankheit unterkriegen lässt.

Gritt Liebing, Ich übe das Sterben. Bastei Lübbe, 253 Seiten, 2010
Preis 7,99 €

Leseprobe:

Es ist so weit: Och ist eingetroffen. Ich bekomme das Gerät mit der Seriennummer 186, eines der ersten Geräte,die weltweit implantiert werden. Ich bin stolz, dass ich dieses Privileg habe. So, wie andere Menschen auf einen neuen Computer oder ein topaktuelles Mobiltelefon warten, habe ich auf den Teligen gewartet. Ein kleines Wunderwerk der Technik – und noch so wunderbar lebensrettend dazu.

Mich fasziniert die Technik des Defibrillators immer wieder, obwohl mein technisches Verständnis nicht allzu groß ist. Die Mitarbeiter von Boston Scientific, von denen ich in den letzten Jahren einige kennengelernt habe, erklären mir die technischen Details und beantworten alle meine Fragen.

Es ist gut, viel über den Defibrillator zu wissen, denn das gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Schließlich vertraue ich der kleinen Metallkiste mein Leben an.

Hier können Sie eine längere Leseprobe herunterladen

 

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