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Psychotherapie gegen Herzinfarkt

Es leuchtet ein, dass sich Herz und Psyche gegenseitig beeinflussen. Bei Angst verspüren wir Herzrasen, Entspannung senkt den Blutdruck, während Stress einen Herzinfarkt auslösen kann. Umgekehrt können Herzbeschwerden auch die Seele belasten.

Was ist Psychokardiologie?

Sowohl bei der Entstehung von Herzerkrankungen als auch beim Umgang des Patienten mit seiner Erkrankung spielen psychologische Faktoren eine bedeutende Rolle, die lange unterschätzt wurde. Inzwischen untersucht die relativ junge medizinische Disziplin Psychokardiologie den wechselseitigen Zusammenhang von Herzerkrankungen und psychischen Problemen oder Erkrankungen und bietet Behandlungsmöglichkeiten an.

Körperliche Auswirkungen psychischer Erkrankungen

Depressionen, Angst und anhaltender Stress können das Herz nachweislich krankmachen und den Verlauf zahlreicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen negativ beeinflussen. Besonders Depressionen werden daher heute als eigenständiger Risikofaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesehen. Eine Depression erhöht die Wahrscheinlichkeit z.B. einen Herzinfarkt zu erleiden genauso stark wie der klassische Risikofaktor Bluthochdruck.

Wodurch kommt dies? Die negativen Folgen von Depressionen, Angst oder Dauerstress für Herz und Blutgefäße wurden in verschiedenen Studien aufgezeigt. So sind beispielsweise die direkten körperlichen Auswirkungen einer Depression messbar: Die Blutgerinnung wird aktiviert und das Blut klumpt daher leichter zusammen.

Eine andere Untersuchung zeigte, dass der Körper von chronisch gestressten Menschen vermehrt Stoffe bildet, die Entzündungen begünstigen und Herz und Gefäße schädigen können.

Im Allgemeinen neigen psychisch Kranke außerdem dazu, wenig auf ihre Gesundheit zu achten. Auch dies hat negative Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit.

Koronare Herzerkrankung und Depression

Umgekehrt können Herzerkrankungen auf das Gemüt schlagen und Depressionen verursachen. Dies passiert häufiger als gedacht. Tatsächlich leiden nach einem Herzinfarkt etwa 40% der Patienten an Depressionen oder depressiver Verstimmung. Dies ist ungünstig: Die Sterblichkeit nach einem Infarkt ist bei diesen Patienten deutlich höher. Kommen zu einer Depression noch weitere Herz-Kreislauf-Risiken hinzu, kann das Sterberisiko auf das Dreifache steigen, wie eine Auswertung der Augsburger Kohorten-Studie KORA anhand der Daten von über 1500 übergewichtigen Menschen zeigte.

Psychokardiologische Rehabilitation herzkranker Patienten

Wer ein Herz-Kreislauf-Ereignis erlitten hat und vielleicht ins Krankenhaus musste, braucht ärztliche Unterstützung, um wieder auf die Beine zu kommen. Meist geschieht dies in Form einer Reha, die sich an den Krankenhausaufenthalt anschließt. Manche Krankenhäuser bieten eine ambulante oder stationäre Reha an, aber es gibt auch spezialisierte Reha-Zentren. Die klassischen Angebote zur Prävention oder Rehabilitation umfassen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen Sport- und Bewegungstherapie, Ernährungsberatung und gegebenenfalls Gewichtsreduktion, Raucherentwöhnung, Blutzucker- und Blutdruckeinstellung.

Oft verspüren Betroffene zusätzlich starke Zukunftsangst oder eine depressive Verstimmung. Eine psychokardiologische Behandlung von Patienten mit koronarer Herzerkrankung berücksichtigt daher auch psychologische Aspekte: Psychische Probleme oder Erkrankungen werden wahrgenommen und gegebenenfalls mit Hilfe von Medikamenten oder durch Psychotherapie behandelt. In Patientenschulungen lernen Betroffene außerdem, psychische Aspekte ihrer Erkrankung zu erkennen und üben beispielsweise Strategien zur Stressbewältigung ein. Auch eine dauerhafte Umstellung auf eine gesunde Lebensführung lässt sich mit psychologischer Unterstützung besser erreichen.

Wie kann eine psychokardiologische Betreuung konkret aussehen?

Kardionet hat eine Klinik in Oberbayern besucht, die sich seit Jahrzehnten eine psychokardiologische Rehabilitation auf die Fahnen geschrieben hat.

Die meisten der Patienten dort erhalten eine Reha, nachdem sie aufgrund eines Herzinfarktes oder nach einer Herz-Operation in einer anderen Klink waren. Ein Teil der Patienten kommt ohne Herzinfarkt, aber mit chronischen Erschöpfung und Ängsten, auch Leistungsängsten. Diese Patienten brauchen aufgrund von Burn-out und anderen psychologischen Erkrankungen, die zu Herzproblemen führen, eine psychosomatische oder psychokardiologische Behandlung.

Dr. Schraudolph, einer der leitenden Kardiologen, erläuterte für uns das Konzept der Klinik.

Herr Dr. Schraudolph, warum ist eine psychokardiologische Rehabilitation wichtig?

Die Psychotherapie und die ganzheitliche Behandlung der kardiologischen Patienten hat bei uns eine ganz lange Tradition. Es ist positiv, dass im Laufe der letzten Jahre die Psychokardiologie auch die klassische Reha beeinflusst hat, weil man erkannt hat, wie wichtig das ist.

Grund für die Entwicklung der Psychokardiologie war, dass man durch Studien erkannt hat, dass etwa 25% der Herzinfarkte mit einer Depression verknüpft sind. Depression ist also ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung eines Herzinfarktes. Patienten, bei denen eine psychische Erkrankung für den Herzinfarkt mitverantwortlich ist, muss ich ganz differenziert behandeln.

Eine psychokardiogische Therapie macht man bei Patienten, die Beschwerden im Zusammenhang mit ihrer Herzerkrankung haben. Daher ist die erste wichtige Frage, wenn ein Patient zum ersten Mal die Diagnose einer chronischen Herzkrankheit bekommt: Wie wirkt sich diese Diagnose auf seine Psyche aus, belastet ihn das sehr oder geht es kalt an ihm vorbei? Gibt es in seinem Leben Spannungsfelder oder in seiner Persönlichkeit Gründe, die ursächlich mit der Krankheit verknüpft sind? In der Praxis schaue ich mir diese Spannungsfelder mit dem Patienten an. Oft ist es Patienten gar nicht bewusst, wie sehr sie sich z.B. unter Druck setzen, das kommt manchmal erst nach ein paar Gesprächen heraus. Umgekehrt kann ich bei vielen Patienten aber auch ausschließen, dass psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen, und diese Patienten brauchen natürlich auch keine Psychotherapie.

Wie unterscheidet sich die psychokardiologische Rehabilitation zum Beispiel bei einem Herzinfarkt von einer klassischen Reha?

Der wesentliche Unterschied in der psychokardiologischen Rehabilitation ist der hohe Stellenwert der Psychotherapie.

Nach einem Herzinfarkt würde man dann psychokardiologisch behandeln, wenn der Herzinfarkt Ängste ausgelöst hat, die sich negativ auf das Herz auswirken, etwa wenn der Patient Muskelverspannungen verspürt, die Angst vor einem erneuten Herzinfarkt auslösen, oder wenn ungewohnte Empfindungen im Bereich des Herzens Panik und damit Herzrasen auslösen. Da geht es um eine „Entängstigung“, der man mit verschiedenen Körpertherapien, Aufklärungen und Psychotherapie eventuell mit Unterstützung von Medikamenten begegnen kann.

Erholung im Klinikgarten

Besteht eine Depression, muss ich durch Gespräche in der Persönlichkeit oder im psychosozialen Umfeld nach den Ursachen suchen, um dem Patienten aus seiner Depression heraushelfen zu können.  

Sehen Sie einen langfristigen Nutzen für die Patienten?

Ja! Es gibt verschiedene Studien, die einen Nutzen belegen. Eine multizentrische Studie, an der wir mit unserem Konzept teilgenommen haben, hat ergeben, dass unsere Patienten durch die intensive Behandlung nachher weniger Ängste zeigen.

In einer Metaanalyse konnte gezeigt werden, dass Patienten, die an einer psychotherapeutischen Rehabilitation teilnehmen, im Durchschnitt länger leben als Patienten, die nicht daran teilnehmen.  Unter Psychotherapie wurde in dieser Studie alles zusammengefasst, was wir als Körpertherapie bezeichnen, also Entspannung, autogenes Training, Atemtherapie, Joga und so weiter. Dies alles schafft eine vegetative Balance, so dass sich durch Stress veränderte Hormonwerte wieder normalisieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: unter Stress atmen wir anders. Umgekehrt kann man durch eine Atemtherapie dem Körper signalisieren, dass alles wieder gut ist, dann sinkt der chronisch erhöhte Spiegel der Stresshormone wieder. Diese neuroendokrine Konditionierung schont Herz und Gefäße.

Durch eine geschulte Körperwahrnehmung und ein entsprechendes Verhalten sind viele Patienten in der Lage, etwas mit in ihren Alltag zu nehmen, dass ihnen hilft, das erreichte Niveau an Wohlbefinden und Gesundheit zu erhalten. Das ist unglaublich schwierig, denn der Mensch hängt im Alltag ja oft an seinen Gewohnheiten. Trotzdem sagen 80% unserer ehemaligen Patienten nach einem halben Jahr, dass sie in ihrem Alltag Maßnahmen gefunden haben, um dem Stress zu begegnen. 38% konnten Ihren Stress während der sechs Monate nach der Reha sogar deutlich reduzieren. Das ist ein großer Erfolg.

Bei welcher Patientengruppe sehen Sie einen besonderen Nutzen der psychokardiologischen Rehabilitation?

Patienten, die mit Depressionen und Angstzuständen in unsere Klinik kommen, profitieren sehr von einer psychokardiologischen Rehabilitation, oder auch Leistungsträger, die zu oft bereit sind, für die Leistung die sie bringen, ihr Wohlbefinden zu vergessen.

Nicht, dass diese ihre Leistung aufgeben sollen, das macht ja auch Spaß, sondern dass sie lernen, dass das Leben an sich Spaß macht, dass es Spaß machen kann, Sport zu machen und den Körper zu spüren, und ihn nicht nur zu fordern. Dann bin ich unter dem Strich genauso effektiv, aber ich habe andere Muster. Es mag die Umwelt anfangs irritieren, wenn man die Bürotür schließt oder sich eine kurze Pause gönnt. Solche Kleinigkeiten ändern nichts an der Leistung, aber sie verringern den Stress.

Lesen Sie auch:

Was Herz, Psyche und Depression verbindet: Wer an einer Depression leidet, läuft Gefahr, Herz und Kreislauf zu schädigen.
Cardiosana: Wie ambulante Herzrehabiliation in der Schweíz funktioniert

Quellen:

Albus, C. Ladwig, K-H, Herrmann-Lingen C. Psychokardiologie: praxisrelevante Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen. Dtsch Med Wochenschr 2014; 139: 596-601
Barth, J., Schumacher, M., Herrmann-Lingen, C., Depression as a risk factor for mortality in patients with coronary heart disease: a meta-analysis. Psychosomatic Med. 66 (2004) 802-813
Ladwig, K.-H., et al., Synergistic effects of depressed mood and obesity on long-term cardiovascular risks in 1510 obese men and women: results from the MONICA-KORA Augsburg Cohort Study 1984-1998. Int. J. Obesity 30 (2006) 1408-1414.
Von Känel, R and Begrée S., Depression after myocardial infarction. JACC 48 (2006) 2215-7
Linden W et al., Psychological treatment of cardiac patients: a meta-analysis. Eur Heart J 2007 Dec; 28 (24) 2972-84

Foto1: Fotolia #153906714, Fotos 2-4: Kai Hoffmann
Autor: CP, 28.11.2017