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Andreas Walzer: Startschuss für ein anderes Leben - Erfahrungen eines Radrennfahrers

Portrait Andreas WalzerIm Herbst 2001 bemerkte ich während eines Radrennens mit intensiven Belastungsphasen einen außergewöhnlich hohen Puls. So endete damals die Hessenrundfahrt für mich in der Notaufnahme. Nach diversen Arztbesuchen riet man mir, diese Angelegenheit genauer unter die Lupe nehmen zu lassen.

Lebensgefahr...

Ich bekam dann relativ schnell einen Termin in einer kardiologischen Ambulanz für eine Herzkatheter-Untersuchung. Aufgewacht bin ich leider auf der Intensivstation der Inneren Medizin. "Ja, Herr Walzer, die gestrige Herzkatheteruntersuchung hat kein Ergebnis geliefert". Es war bei der Untersuchung zu einem lebensbedrohlichen Herzflimmern gekommen, das die Ärzte nur durch den Einsatz eines Defibrillators in den Griff bekommen hatten. Die Untersuchung sollte deshalb am folgenden Tag wiederholt werden.

Durch den Vorfall des Vortages waren sehr viele Leute im Katheterlabor anwesend. Die Anspannung war förmlich zu greifen. Nachdem man Gewebeproben aus dem Herzen entnommen hatte, war die Diagnose ein paar Tage später klar: Herzmuskelentzündung!

Nach langem Hin und Her entschlossen sich die Herzspezialisten, mir einen Defi einzupflanzen. Man weiß ja nie, wie sich die Situation in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten entwickelt!

Ende meiner Karriere...

So endete in meinem 31. Lebensjahr meine Radsportkarriere, die von dem Olympiasieg und einem Weltmeistertitel, sowie einer Vielzahl an Deutschen Meistertiteln, u. a. '97 und '99 im Einzelzeitfahren über 50 km, gekrönt war.

Von heute auf morgen war ich Sportinvalide, ohne Einkommen, mit unsicherer gesundheitlicher Prognose: und all das als Familienvater mit finanziellen Verpflichtungen... Herzlichen Glückwunsch! Es war der Tiefpunkt meines Lebens.

Ein neuer Anfang...

Was am Anfang der bloße Horror war, stellte sich nach einiger Zeit als entscheidende Weichenstellung in meiner Lebensgestaltung dar: Schon nach wenigen Wochen fand ich einen Arbeitgeber, bei dem ich meine Kenntnisse als Industriekaufmann und meine berufliche Motivation voll entfalten konnte. 2 Jahre später habe ich mich entschlossen, berufsbegleitend ein Studium zu absolvieren, welches momentan in den letzten Zügen ist. Vor kurzem wurde unser 2. Kind geboren, ein Sohn.

Gesundheitlich habe ich - toi toi toi - seit über 4 Jahren keine Beschwerden gehabt. Und wenn ich Herzprobleme hätte: Dafür habe ich habe ja meinen Defi! Ein beruhigendes Gefühl!
Meine sportlichen Aktivitäten sind natürlich nicht mehr mit denen bis 2001 vergleichbar. Dennoch treibe ich bis zu 6 Mal/Woche Sport: Jogging, Radfahren, ein bisschen Krafttraining. Ich fühle mich wohl und denke meistens sogar ziemlich "dankbar" an diese schlimme Zeit im Herbst 2001 zurück. Damals habe ich gemerkt, was wirklich wichtig ist im Leben. Und das versuche ich jetzt zu leben.

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten - die Psyche machte mir sehr oft Probleme - bin ich momentan wieder sehr zukunftsorientiert. Nicht zuletzt auch durch den Ehrgeiz, der mich auch als Sportler antrieb. Fast 5 Wochen im Jahr stehe ich der ARD-Multimediaredaktion während der Tour de France und der Deutschlandtour mit Rat und Tat zur Verfügung: Eine Arbeit, die mir sehr viel Spaß macht.

Mein Leben hat durch diese - zugegebenermaßen - dramatischen Ereignisse von Herbst 2001 enorm an Ruhe gewonnen. So sehe ich meine Kinder aufwachsen, eine Sache, die mir als aktiver Radprofi sicherlich in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Ich kann mich auch weiterhin ausreichend sportlich betätigen und durch meinen Job bei der ARD bin ich relativ nahe am Radsport drangeblieben.

Ich kann nur jedem, der gesundheitlich in eine ähnliche Situation gelangt, Mut zusprechen. Was am Anfang wie das "Ende" aussieht kann sich als Startschuss für ein ganz anderes Leben erweisen, welches qualitativ der Vergangenheit in nichts nachsteht.

 


Andreas Walzer, geb. 20. Mai 1970 in Homburg (Saar):

1991 Weltmeister im Bahnvierer
1992 Olympiasieger im Bahnvierer bei den Olympischen Sommerspielen in Barcelona
Vizeweltmeister im Straßen- und Bahnvierer
Deutscher Meister im Zeitfahren

 

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