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Katharina Bauer ist Stabhochspringerin und trägt einen Defi. Kardionet hat die Spitzensportlerin interviewt © imago 40731207 DPA

Stabhochspringerin Katharina Bauer © imago

Leistungssportlerin mit Defibrillator

Katharina Bauer ist Stabhochspringerin und trägt einen Defi. Kardionet hat die Spitzensportlerin interviewt.

Steile Sportlerkarriere

Sportlich hochbegabt und ehrgeizig war Katharina Bauer schon immer. Mit 13 Jahre entdeckte die Turnerin den Stabhochsprung für sich und war nicht mehr zu bremsen: Bereits nach dem ersten Trainingsjahr sprang sie bei ihrem ersten Wettkampf einen ganzen Meter höher als alle anderen. Wenig später bekam sie einen Trainingsplatz beim Bundestrainer.

Mit 15 Jahren sprang sie bereits 4 Meter hoch und springt seither für die deutsche Nationalmannschaft. Vor 6 Jahren wechselte sie nach Leverkusen und trainierte an Deutschlands bester Trainingsstätte. Kaum 24, gewann die Spitzensportlerin Gold bei der Team-Europameisterschaft in Braunschweig, 2018 wurde sie Deutsche Hallenmeisterin. Inzwischen hat sie mit einer Bestleistung von 4,65 Metern Weltklasseniveau.

Sportverletzungen und gesundheitliche Probleme werfen Bauer immer wieder zurück und immer wieder steht sie auf und macht weiter. Zuletzt war die Implantation eines Defibrillators notwendig. Die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hat sie trotzdem fest im Blick.

Wir haben uns mit Frau Bauer über ihr ungewöhnliches Leben als Sportlerin und Herzpatientin unterhalten.

Interview mit Katharina Bauer

Katharina Bauer ist gerade von einem mehrstündigen Training zurückgekommen. Heute Vormittag standen zwei Stunden Krafttraining und Laufübungen auf dem Programm, später wird es mit Aufbautraining weitergehen. Trotzdem sprüht sie vor Energie. Die Worte sprudeln nur so aus der jungen Athletin heraus. Man merkt sofort: Katharina Bauer brennt für ihren Sport – und dafür, andere Herzpatienten zu ermutigen, ihr Leben mit einer Herzerkrankung positiv zu gestalten.

„Für mich war es normal, schlapp zu sein“

Frau Bauer, Sie haben schon seit Ihrer Kindheit Herzprobleme. Können Sie das beschreiben? 

Mit 7 Jahren zeigte eine sportmedizinische Untersuchung beim Kinderkardiologen, dass mein Herz jeden Tag mehr als 6000 zusätzliche Herzschläge macht. Ich selbst habe das nicht so gemerkt, ich kannte es ja nicht anders. Ich habe mich nur geärgert, dass ich viele Pausen und mehr Schlaf als andere brauchte. Über die Jahre war mir dann auch oft schwindlig.

Als ich mich Ende 2016 bei der Bundeswehr bewarb und dazu ein aktuelles EKG vorlegen musste, waren es auf einmal 18000 solcher Extrasystolen. Das war lebensgefährlich! Zum Glück konnte der Kardiologe die verursachenden Stellen während einer elektrophysiologischen Untersuchung im Herzen finden und veröden.

Nach der Behandlung waren es „nur noch“ 3000 Extraschläge pro Tag. Immer noch nicht weg, aber ich hatte auf einmal so viel mehr Energie, dass ich mich wie neugeboren fühlte. Leider hielt das nur für 6 Monate, dann waren es fast wieder so viele wie vorher. 

Höchstleistung trotz Herzrasen

Ich hatte aber gerade Wichtigeres im Kopf, als viel über mein Herz nachzudenken. Nach langen Trainingsvorbereitungen waren Anfang 2018 erstmal die Deutschen Hallenmeisterschaften dran und ich holte mit 4,51 Metern die Goldmedaille. Ich war Deutsche Meisterin! Danach haben wir erneut ein EKG während des Trainings beim Technikspringen gemacht und das Gerät zeichnete die Extraschläge auf, die mir den Schwindel bereiteten. Ich bekam noch im Trainingslager einen Anruf vom Kardiologen, dass ich in die Klinik müsste.

Wann war es klar, dass Sie einen Defi brauchen?

Natürlich hatte ich gehofft, dass sich die Sache wie beim letzten Mal mit einer Ablation im Katheterlabor in den Griff bekommen ließe, aber das ging nicht. Die Ärzte machten mir klar, dass es bei diesen extrem vielen Extraschlägen jederzeit zum Kammerflimmern und damit zum plötzlichen Herztod kommen könne. Das Einzige, was mich davor schützen könne, sei ein Defi. Da ich ein Gerät nicht als ständigen Helfer, sondern nur als Absicherung brauchte, falls es je zum Kammerflimmern kommen sollte, fiel die Entscheidung auf einen S-ICD.

Ich konnte das gar nicht begreifen und hatte 1000 Fragen, wie mein Leben weitergehen sollte. Ich habe mir das Gerät geben lassen und auf meinen Körper getapt, das war so surreal, dass ich erstmal einen Lachkrampf bekommen habe.

Haben Sie die Behandlung auf die lange Bank geschoben?

Nein. Viel Zeit blieb mir nicht. Der Defi sollte schnellstmöglich implantiert werden. Mir kamen selbst die fünf Tage zwischen der ärztlichen Information und der Operation viel zu lang vor, weil ich in ständiger Sorge war, dass etwas passiert. Vorher war ich immer ruhig gewesen, wenn ich mein Herz gespürt hatte, aber jetzt nicht mehr. 

Ich habe an mir selbst gearbeitet, mich mit Selbstheilung beschäftigt und war schließlich so weit, dass ich den Defi als neuen Wegbegleiter dankbar annehmen konnte. Drei Tage nach der Operation konnte ich schon aus der Klinik nach Hause, es ging alles sehr gut und schnell. Zwei Wochen später stand eine weitere EPU an, um den Ursprungsort der Extraschläge zu finden und zu veröden. Der Defi macht ja die Extraschläge nicht weg, sondern hilft nur, einen Herzstillstand zu verhindern. Bei dem vorbereitenden EKG stellte der Arzt überrascht fest, dass die Extraschläge von selbst auf vertretbare 2800 Schläge gesunken waren. Ich brauchte nicht zur EPU!

„Es wird immer alles gut“

Sie haben nach der Operation ein atemberaubendes Comeback hingelegt. Was hat Sie dazu motiviert, trotz ärztlichem Rat weiter Leistungssport zu betreiben?

Wenn es nach den Ärzten gegangen wäre, würde ich überhaupt keinen Sport mehr machen, aber das war für mich unvorstellbar. In mir brennt ein Feuer, das mich antreibt, deswegen kämpfe ich immer weiter und lasse mich nicht hängen. Ich habe es nach allen möglichen Trainingsverletzungen immer wieder geschafft, zu den besten Stabhochspringern zu gehören. Warum nicht jetzt? 

Nach drei Wochen Trainingspause bin ich zum ersten Mal wieder joggen gegangen, da hat das Gerät noch ganz schön gewackelt. Das war im April 2018. Aber das Training lief gut an, beim Stabhochspringen hat nichts weh getan.  Nach sechs Wochen habe ich nur so zum Spaß einen Wettkampf mitgemacht. Ich hatte noch nicht mal meine richtigen Wettkampfstäbe mit, habe nur einen kurzen Anlauf genommen – und sprang trotzdem 4,20 Meter! Wow. Wenn das kein Motivationsschub war!

Als Nächstes habe ich mich darauf vorbereitet, mich für die Europameisterschaften in Berlin zu qualifizieren. Es war wichtiger, dieses Ziel vor Augen zu haben, als dabei zu sein. Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften Anfang 2019 gewann ich trotz Defi mit 4,55 Metern Silber

Weitermachen

Wie hat sich Ihr tägliches Leben verändert, seit Sie einen implantierten Defi tragen?

Mit einem externen Defi konnte man niemals alleine bleiben, denn im Ernstfall müsste dieser von einer anderen Person bedient werden. Jetzt ist mein Kopf freier, ich weiß, es ist ok, alleine zu sein. Ich habe Klarheit über meine Erkrankung und bin abgesichert, deswegen bin ich viel freier in mir selbst.
Natürlich muss ich auf ein paar Sachen achten. Das fängt schon mit dem Handy an und durch die Sicherheitsschranken am Flughafen kann ich auch nicht durch.

Der Defi hat erst einmal ausgelöst, das war aus Versehen, als ich beim Physiotherapeuten eine Strombehandlung bekam. Ok – das war nicht so klug. Der Defi hat mir einen solchen Riesenschock versetzt, dass es mich von der Therapiebank gehoben hat, das war nicht lustig. Nach so etwas muss man sofort zur Kontrolle ins Krankenhaus, aber der Kardiologe gab Entwarnung, es lag nicht an meinem Herzen.  Erstaunlicherweise hatte ich danach keine Schmerzen oder körperliche Beschwerden, wahrscheinlich, weil ich so durchtrainiert war. Nur das Trauma musste ich verarbeiten. Das gelang mir mit Hilfe meiner Mutter, einer Hypnosetrainerin. 

Trainieren Sie anders, seit Sie den Defi haben?

Wir haben mein Training umstrukturiert, weniger Krafttraining, die verschiedenen Muskelgruppen werden alternativ trainiert und ich belaste mich nicht komplett aus. Das habe ich bei allen vorherigen Verletzungen auch so gemacht.

Haben Sie Angst, „falsch“ zu fallen und das Aggregat zu beschädigen oder sich durch den Defi zu verletzen?

Ja, anfangs hatte ich die Angst. Ich habe den Bereich um den Defi vorsichtshalber abgepolstert und die ersten Fallübungen mit Seil gemacht. Aber ich habe ein gutes Körpergefühl und bin noch nie auf den Defi draufgefallen. Inzwischen ist das kein Thema mehr.

„Lass Dich nicht unterkriegen!“

Was möchten Sie anderen Sportlern oder sportlich aktiven Menschen, bei denen sich der Bedarf für ein Therapiegerät abzeichnet, ans Herz legen?

Oh, so Vieles! Sieh die Diagnose nicht als Hiobsbotschaft, sondern als Chance und lass Dich nicht unterkriegen. Ein Defi ist nicht das Ende vom Leben, sondern ein neuer Anfang. Ja, es wird Einschränkungen geben, aber Du lebst, also glaube an Dich.

Dieses positive Lebensgefühl möchte ich möglichst vielen herzkranken Menschen vermitteln und engagiere mich deswegen u. a. als Schirmherrin beim Bundesverband Herzkranker Kinder und bei Defibrillator Deutschland.  
 

  • Über diesen Artikel

    Autor: Redaktion, CPO
    Erstellt: 29. 7. 2019
    Bildnachweis: Titelbild © imago images / Beautiful Sports