Was Herz, Psyche und Depression verbindet

Was der Volksmund schon seit Langem ahnt, hat sich durch die medizinische Forschung bestätigt: Herz und Psyche beeinflussen sich gegenseitig. Wer an einer Depression leidet, läuft Gefahr, Herz und Kreislauf zu schädigen.

  • Ein Herz und eine Seele

    Der kleine pumpende Muskel verrichtet im Brustkorb lebenswichtige Dienste. Auch für die Seelenlage des Menschen spielt er eine gewichtige Rolle: Wenn jemand „etwas auf dem Herzen“ hat, dann liegt es natürlich nicht direkt auf dem Organ, sondern etwas bedrückt ihn sehr. Auch „Hand aufs Herz“ ist nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, sondern fordert auf, etwas ehrlich zu sagen. Und „was von ganzem Herzen kommt“, kommt – das weiß jeder – mit viel Liebe.
    Diese Sprichwörter weisen auf eine enge Verbindung zwischen Herz und Seele hin. Am deutlichsten wird das im Ausdruck „gebrochenes Herz“. Dinge, die belasten, schlagen sich auf das Herz nieder. Ärger, Stress, Angst können körperliche Reaktionen auslösen, an denen das Herz beteiligt ist: Der Puls steigt, das Herz klopft. Sogar die Brust kann schmerzen und die Luft wegbleiben.

  • Depression: höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

    Erst in den letzten Jahren hat die Forschung die Zusammenhänge zwischen Depression und Herz-Kreislauf-System besser erkannt. Heute weiß man, dass eine Depression das Risiko für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Hierzu zählen insbesondere Erkrankungen, die Folge einer Atherosklerose, also einer Ablagerung von Blutfetten, Bindegewebe und Kalk in den Wänden von Schlagadern sind: Erkrankung der Herzkranzgefäße (koronare Herzkrankheit), Herzinfarkt, Schlaganfall und Verschlusskrankheit der Bein- oder Beckenarterien. Selbst das Risiko für das Auftreten einer Herzmuskelschwäche steigt.
    Zudem kann eine Depression den Verlauf dieser Erkrankungen ungünstig beeinflussen. Herzinfarkt oder eine Erkrankung der Herzkranzgefäße verlaufen im Allgemeinen schwerer, wenn der Betroffene gleichzeitig an einer Depression leidet.
    Umgekehrt kann eine Erkrankung der Herzens die Psyche belasten. Wer etwa unter einer schweren Herzschwäche leidet, der leidet möglicherweise auch unter einer niedergedrückten Stimmung. Ein langwieriger Krankenhausaufenthalt, eine Operation, die Ungewissheit nach einem Herzinfarkt – all diese Ereignisse können eine psychische Störung auslösen. Und Menschen, die an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden, haben auch ein höheres Risiko, eine Depression zu erleiden.

  • Wie kann gedrückte Stimmung auf Herz und Kreislauf schlagen?

    Depression beeinflusst Herz und Kreislauf auf verschiedene Weise. Zum einen wirkt sich eine Depression auf andere Gesundheitsprobleme aus, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöhen. So werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, die Störungen des Fett- und Zuckerstoffwechsels verursachen können. Daher kann eine Depression die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ 2) und andere Stoffwechselvorgänge ungünstig beeinflussen und zu Übergewicht führen.
    Zudem kann sich eine Depression direkt auf Herz und Blutgefäße auswirken. Das häufig übererregte sympathische Nervensystem geht mit einem schnellen Puls und einer vermehrten Ausschüttung von Kreislaufhormonen einher. Darüber hinaus reagiert das Immunsystem mit einer Entzündungsreaktion auf anhaltenden Stress, was das Herz belasten kann. Und schließlich kann Depression Blutplättchen aktivieren und so den Verschluss von Schlagadern fördern.

  • Ungesunder Lebensstil

    Menschen mit Depression tun sich krankheitsbedingt oft schwer, ein gesundes Leben zu führen. Schon die Bewältigung des Alltags bereitet ihnen häufig Schwierigkeiten. Zudem trägt die Tendenz, sich aufgrund der Erkrankung von Freunden und Familie zurückzuziehen, zu einem ungesunden Lebensstil bei und kann im Extremfall zu sozialer Isolation führen. Depressive Patienten rauchen häufiger oder haben Schwierigkeiten, auf Dauer mit dem Rauchen aufzuhören. Ungesunde fett- und kohlenhydratreiche Ernährung tragen wie das Rauchen zu einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko bei. Schließlich wirkt sich auch Bewegungsmangel ungünstig auf Herz und Blutgefäße aus.

  • Medikamente gegen Depression: mehr Nutzen als Risiken

    Bei den Medikamenten gegen die Depression, den sogenannten Antidepressiva, überwiegt nach heutiger Auffassung der Nutzen der Behandlung gegenüber möglichen Nebenwirkungen auf Herz und Kreislauf. Nicht zuletzt nehmen gut behandelte Patienten mit Depression ihre Herzmedikamente zuverlässiger ein, was das Herz-Kreislauf-Risiko ebenfalls senkt. Allerdings sind nicht alle Antidepressiva für Patienten mit Herzerkrankungen geeignet. Insbesondere sogenannte trizyklische Antidepressiva sollten bei diesen Patienten vermieden werden.

  • Depression: Häufig nicht erkannt

    Die Depression ist eine sehr häufige Erkrankung: Etwa jeder fünfte Deutsche erkrankt einmal in seinem Leben an einer Depression. Dennoch wird eine Depression häufig übersehen oder die Beschwerden werden nicht ernst genommen.
    Es ist zwar ganz normal, manchmal traurig oder niedergeschlagen zu sein. Hält ein solcher Zustand jedoch über einen längeren Zeitraum an, d. h. über mindestens zwei Wochen, kann er durch eine Depression verursacht sein. Dies trifft vor allem dann zu, wenn ein Betroffener das Interesse für sich und seine Umwelt verliert und wenig Freude an Dingen hat, die ihm früher Spaß gemacht haben. Weitere Alarmzeichen sind unter anderem Schlafprobleme, mangelnder Appetit, Konzentrationsschwierigkeiten, innere Unruhe oder ein Mangel an Energie.

    Welche Beschwerden können auf eine Depression hinweisen?

    Wenn – insbesondere mehrere – der folgenden Beschwerden länger als 2 Wochen anhalten, kann möglicherweise eine depressive Erkrankung vorliegen:

    • Gedrückte Stimmung
    • Wenig Interesse und/oder Freude auch an angenehmen Dingen
    • Sorge um die Zukunft und/oder Hoffnungslosigkeit
    • Anhaltende Schwierigkeiten, ein- oder durchzuschlafen
    • Mangelndes Selbstvertrauen und/oder Selbstwertgefühl
    • Müdigkeit; Gefühl, keine Energie zu haben, und/oder innere Unruhe
    • Verminderter Appetit
    • Gefühl, an vielem Schuld zu sein oder andere enttäuscht zu haben, und/oder schlechte Meinung über sich selbst
    • Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, z. B. beim Lesen oder Fernsehen, und/oder Entscheidungen zu treffen, starkes Grübeln
    • Gedanken, lieber tot zu sein, und/oder Gefühl der tiefen Verzweiflung

    Diese Fragen können nur eine Hilfestellung bieten. Falls Sie glauben, eine Depression zu haben, wenden Sie sich bitte unbedingt an Ihre Ärztin/Ihren Arzt!

  • Gute Behandlungsmöglichkeiten gegen Depression

    Selbst wenn manchen Betroffenen ihre Situation ausweglos erscheint: Hilfe bei Depression ist möglich! Mit einer angemessenen Behandlung, die eine Psychotherapie und/oder die Gabe von Medikamenten einschließen kann, lässt sich die Erkrankung meist gut in den Griff bekommen.
    Auch Herzkranke müssen nicht unter einer anhaltenden depressiven Stimmung leiden und Menschen mit Depression müssen ein höheres Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung nicht hinnehmen. Der Weg zum Hausarzt oder direkt zu einer erfahrenen Spezialistin/einem erfahrenen Spezialisten, in der Regel einer Fachärztin/einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, lohnt sich!

  • Über diesen Artikel

    Autor: Prof. Dr. Christian Otte, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité Universitätsmedizin Berlin. (3. 11. 2013)

    Aktualisierung: 22. 6. 2018

    Literatur: 

    • Kuehl LK, Penninx BWJH, Otte C. Depression: Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen. Nervenarzt 2012;83:1379-1384.
    • Quelle für „Welche Beschwerden können auf eine Depression hinweisen?“: Deutsches Bündnis gegen Depression e.V.)

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