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Schwindel aus heiterem Himmel: Das kann auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hindeuten. © nalinratphi / fotolia

Schwindelanfälle können auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen hindeuten. © nalinratphi / fotolia

Schwindel: Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Wer kennt das nicht: Die Welt dreht sich um einen herum, die Beine finden keinen festen Stand, vielleicht sieht man sogar Sternchen – Schwindel hat einen erfasst. Manche Partyspiele führen diesen Zustand gezielt herbei, weil es auf die Zuschauer belustigend wirkt, wenn der Betroffene scheinbar ziellos herumtorkelt. Wer allerdings ohne ersichtlichen Grund und immer wieder Schwindelattacken erlebt, für den ist das mitnichten lustig. Er sollte die Ursachen abklären lassen.

Wie entsteht Schwindel? 

Als Schwindel bezeichnet man den Verlust der gefühlsmäßigen räumlichen Orientierung. Dieser entsteht, wenn das Gehirn die eingehenden Signale der Sinnesorgane Auge und Innenohr (Gleichgewichtsorgan) nicht richtig in Übereinstimmung bringen kann. Gründe können sein, dass die Signale von Auge und Gleichgewichtsorgan nicht zueinander passen, dass eines dieser Sinnesorgane fehlerhaft arbeitet oder die Ursache liegt in einer Störung in dem Bereich des Gehirns, das die Sinneseindrücke verarbeitet. 
 

  • Die Sinneseindrücke

    Das Auge liefert normalerweise ein Abbild der Umwelt, bei dem wir aus Erfahrung die Richtungen „oben“ und „unten“ zuordnen können. Zugleich meldet das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, wo „unten“ ist und ob man gerade in Ruhe oder in Bewegung ist. Die „schiefen Häuser“, die es mancherorts zu Unterhaltungszwecken gibt, spielen mit diesem Effekt: Sie stehen samt ihrer Inneneinrichtung schief; wenn man durch die Räume geht, passt das, was man sieht, nicht zu dem, was das Gleichgewichtsorgan meldet. Schwindel kann entstehen, der aber meist rasch vergeht. Sehstörungen können aus ähnlichem Grund ebenfalls Schwindel hervorrufen.

    Das Gleichgewichtsorgan funktioniert mittels Sinneshärchen in den sogenannten Bogengängen des Innenohrs. Diese Härchen nehmen zum einen die Bewegung der Flüssigkeit im Innenohr wahr. Zum anderen gibt es kleine Kalksteinchen (Otolithen) im Innenohr, die der Schwerkraft folgend am Boden sogenannter Gleichgewichtssäckchen jeweils am Ende der Bogengänge liegen, was die Sinneszellen registrieren. Beim Stehen liegen diese Ohrsteinchen zum Beispiel an einer anderen Stelle als beim Liegen – je nachdem, welche Sinneszellen die Steinchen bemerken, „weiß“ das Gleichgewichtszentrum im Gehirn, ob der Mensch liegt und wenn ja, wie.
     

  • Wenn das Ohr durchdreht

    Bei Bewegungen des Körpers bewegt sich die Flüssigkeit im Innenohr. Wenn man sich schnell bewegt – zum Beispiel beim Drehen um die eigene Achse – kommt diese Flüssigkeit so stark in Bewegung, dass sie auch nach der Drehung noch ein Weilchen weiterkreist. Das Gehirn bekommt dann von den Augen die Nachricht „Körper steht still“, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet aber noch immer das Kreiseln. Wenn man die Augen schließt, lässt dieser Schwindel meist nach; so kommt man leichter über die Zeitspanne hinweg, bis sich die Innenohrflüssigkeit beruhigt hat.

    Schwindel, der durch Augenschließen nicht milder wird und auch nach einiger Zeit in Ruhe nicht nachlässt, kann dadurch entstehen, dass bei der Bewegung die Ohrsteinchen aus dem Gleichgewichtssäckchen in einen Bogengang gerutscht sind. Diesen als Lagerungsschwindel bezeichneten Zustand kann der Arzt schnell beheben, indem er den Kopf des Patienten in bestimmter Weise bewegt. Mit etwas Übung kann man auch selbst so eine Bewegung machen, bei der die Steinchen wieder an die richtige Stelle im Ohr bewegt werden.

    Diese beiden Gründe für Schwindelattacken sind relativ harmlos. Das Gefährlichste daran ist die mit dem Schwindel einhergehende Sturzgefahr und – vor allem im Straßenverkehr oder in einem Umfeld mit laufenden Maschinen – die Desorientierung.

    Heikler wird es, wenn das Gleichgewichtsorgan direkt geschädigt wird, zum Beispiel durch eine Entzündung oder durch Durchblutungsstörungen. Auch reine Alterserscheinungen lassen diesen Sinn schwächer werden. Dann ist ärztliche Hilfe angebracht.
     

Problemstelle Gehirn

Schwindel tritt auch auf, wenn Auge und Gleichgewichtsorgan zwar korrekt funktionieren, das Gleichgewichtszentrum im Gehirn die Signale aber nicht richtig verarbeiten kann. Dies kann eine Vielzahl von Gründen haben. Im Vordergrund steht die Unterversorgung des Gehirns mit Blut. Andere, eher seltene Ursachen im Bereich des Gehirns können Entzündungen, wie bei der multiplen Sklerose, oder auch Tumoren sein. Auch Migräne kann mit Schwindel einhergehen.

Herz und Kreislauf

Bei einer Unterversorgung des Gehirns mit Blut können die Hirnzellen nicht optimal funktionieren, was zu Störungen auch im Gleichgewichtszentrum führen kann. Die Versorgung des Gehirns wiederum hängt in erheblichem Maß vom Herz-Kreislauf-System ab. Hier können verschiedene Probleme eine Rolle spielen.

Eine Ursache für eine schlechte Durchblutung des Gehirns können verengte Blutbahnen im Bereich von Hals und Kopf sein. Insbesondere die Halsschlagader (Karotis), die Halswirbelarterie (Arteria vertrebralis) und die Schlagader im Hirnstamm (Arteria basilaris) sind dabei von Belang, betroffen sein können aber auch weitere Arterien im Hirn. 

Der häufigste Grund für eine Verengung dieser Gefäße ist eine Atherosklerose.

Im schlimmsten Fall verstopft ein Thrombus eine Hirnarterie, dann ist der Schwindel Anzeichen für einen Schlaganfall. Dieser geht jedoch oft gleichzeitig mit Sehstörungen einher; typisch sind auch halbseitige Lähmungen.

Eine schlechte Versorgung des Gehirns mit Blut kann ihre Gründe auch außerhalb von Kopf und Hals haben. Zum Beispiel kann die Pumpkraft des Herzens eingeschränkt sein. Dies tritt unter anderem auf bei:

Typisch ist Schwindel als Symptom von zu niedrigem Blutdruck; besonders beim Aufstehen oder bei raschen Bewegungen tritt er auf. Bei zu hohem Blutdruck geht der Schwindel oft mit Kopfschmerzen einher. In Folge einer Dehydrierung kann es zu einer Kreislaufschwäche kommen, die zu Schwindel und Bewusstseinsstörungen führt. Auch Medikamente können Schwindel als Nebenwirkung verursachen. Schließlich wird ein Zusammenhang zwischen bestimmten Veränderungen an der Halswirbelsäule und dem Auftreten von Schwindel diskutiert.

Welcher Arzt ist „zuständig“?

Wenn Sie mehrfach Schwindelattacken erleben, die Sie nicht auf harmlose Gründe zurückführen können, sprechen Sie das unbedingt beim Arzt an! Auch starker, plötzlicher und/oder andauernder Schwindel sollten Sie zum Arzt führen. 

Im Notfall – insbesondere, wenn der Schwindel mit weiteren Symptomen wie Sehstörungen, Bewusstseinstrübungen oder Brustschmerzen einhergeht – rufen Sie die Notrufnummer 112 an! 

Abgesehen von solchen Notfällen ist es sinnvoll, sich zuerst an den Hausarzt zu wenden. Schildern Sie ihm, 

  • wann die Schwindelanfälle auftreten,
  • wie sie sich im Detail anfühlen (Drehen, Schwanken, Benommenheit, Gehen wie auf Watte etc.), 
  • wie lange sie andauern und 
  • welche weiteren Symptome (Übelkeit, Ohrgeräusche, Schmerzen etc.) Sie wahrnehmen. 

Außerdem sollte der Arzt wissen, 

  • welche Medikamente Sie nehmen und 
  • ob Sie sich gerade in einer besonderen Situation befinden (starker Stress, sehr emotionale Ereignisse etc.).

Davon ausgehend kann der Hausarzt das Feld der Ursachen eingrenzen. In der Regel schließt sich nun eine körperliche Untersuchung an. Auf diese Weise kann in etwa 60 bis 85 % der Fälle eine Diagnose gestellt werden.

Manchmal überweist der Hausarzt den Patienten auch an einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Kardiologen oder Neurologen, vor allem, wenn eine spezielle Untersuchungstechnik zum Einsatz kommen muss.

Nachdem die Diagnose gestellt ist, kann eine gezielte Behandlung beginnen. Einige Therapien kann der Hausarzt vornehmen (z. B. Medikamente, Behebung des Lagerungsschwindels, Gleichgewichtstraining), oft sind aber Fachärzte gefragt. Hier einige Beispiele:

UrsacheFacharzt
Herzerkrankungen (z. B. Rhythmusstörung. Herzinsuffizienz)Kardiologe
Verdacht auf neurologische Krankheit (z. B. Parkinson)Neurologe
Probleme mit dem Innenohr (z. B. Morbus Menière, Hörstörung)HNO-Arzt
Psychisch bedingter Schwindel (z. B. bei Angststörungen)Psychiater/Psychotherapeut
von Wirbelsäulenproblem ausgehender SchwindelOrthopäde/Physiotherapeut (Krankengymnastik), Chiropraktiker
Verengte Blutgefäße (z. B. Carotisstenose)Angiologe (Gefäßspezialist)

 

  • Über diesen Artikel

    Autor: Redaktion, UJO

    Erstellt: 27.6.2019

    Quelle: Prof. Dr. H.-H. Abholz, Dr. R. Jendyk: „Akuter Schwindel in der Hausarztpraxis“; Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Berlin; 2016, redaktionell überarbeitet 4/2018

    Bildnachweis: Titelbild © nalinratphi / fotolia.de